Vom Nehmen – Geben und Empfangen

Mehr als nur eine Geste, es ist eine Form im Dialog zu stehen mit sich selber und unserer Umwelt

Vom Nehmen – Geben und Empfangen

Mehr als nur eine Geste, es ist eine Form im Dialog zu stehen mit sich selber und unserer Umwelt

Sind Sie sich dessen bewusst, dass die Qualität von Nehmen, Geben und Empfangen eine Form ist, die genetisch in uns Menschen angelegt ist. Die Art und Weise aber wie wir etwas zu uns nehmen wird in unserer frühsten Kindheit geprägt. Bereits im Mutterleib übt das ungeborene Baby aus-zu-greifen, zu-zu-packen, an sich zu nehmen. Das Neugeboren lernt mit allen Sinnen seine Welt aufzunehmen und wieder von sich zu stossen. Die Erfahrungen, die das Kleinkind in seinen ersten Lebensjahren macht tragen entscheidend dazu bei, wie es später aus-greift, er-greift, heranholt, aber auch wie das er-griffene angenommen werden kann. Lernt das  Kind, dass die Gegenstände, die es ergreift auch fest halten kann, lernt es, seinem  Griff zu vertrauen. Werden dem Kind jedoch die Gegenstände stets wieder aus den Händen genommen, macht es die Erfahrung wohl etwas ergreifen zu können, doch am Ende doch nichts in den Händen zu haben. Das Kontinuum von Ausgreifen und Heranholen wird gestört. Das Resultat kann sein, dass der Erwachsener wohl fest zugreifen kann den Griff jedoch nicht halten kann, erschlafft und die Sache wieder aus den „Händen“ verliert. Diese entmutigende Erfahrung kann bewirken, dass der Mensch versucht etwas an sich zu reissen oder der Versuch bereits bei der Idee auszugreifen hängen bleibt und versackt.

Geben und Nehmen sind zwei Gesten, ein Kontinuum das den Sinn in sich trägt eine Sache von einer Seite zur anderen zu führen. Zum Beispiel der Gemüseverkäufer gibt mir das Kilo Apfel, das ich gerade gekauft habe, und ich nehme das Kilo Apfel entgegen.

Da gibt es aber eine Form von Geben, das in Bezug zum Empfangen steht. Ein Geben, das von der Person, die gibt erfüllt ist – seien dies Gefühle von Liebe, Zuneigung, Anteilnahme aber auch von Wut oder Abgrenzung. Wird der Gebende nicht empfangen so versickert seine Gabe in der Leere des Raums des Empfängers. Ein Wiederholen der Erfahrung nicht empfangen zu werden ist entmutigend und bewirkt, dass der Gebende ein Muster des sich Zurückhaltens, des Vesteckens ausbildet.

Auch dazu möchte ich ein Beispiel geben.

Die 6jährige Lucy kommt freudig vom Kindergarten nach Hause und möchte ihrer Mutter die Zeichnung schenken, die sie eben im Kindergarten gemalt hat. Die Mutter ist jedoch beschäftigt das Mittagessen zu kochen und hat überhaupt keine Zeit sich auf ihre Tochter einzulassen und das mit grosser Freude und Stolz gemalte Bild zu empfangen. Lucys Erregung versackt, Ermutigung und Leere bleiben zurück. Wiederholt sich diese Situation immer wieder, so entwickelt Lucy die Erfahrung, dass ihre Geschenke nicht empfangen werden.  

Das Kontinuum von Geben und Empfangen ist vielmehr als eine blosse Geste, es ist eine Art und Weise wie der Mensch mit seinen Mitmenschen, seinem Umfeld und seiner Umwelt agiert und interagiert.

Geben und Empfangen, ist wohl die wichtigste Verkörperung unseres Menschseins innerhalb einer Gesellschaft. Im Dialog zu stehen mit unserer Umgebung. Wir bringen uns ins Leben und empfangen Leben. Was sind meine Erfahrungen von Geben und Empfangen? Wie organisiere ich Geben und Empfangen? Wie mache ich das? Ist die zentrale Frage, wenn wir uns auf dem Weg mit Kelemann befinden.

Das Lernen von Geben und Empfangen geschieht über den Lernprozess der 4 Stadien der Liebe: Fürsorge, Anteilnahme, Austausch, Intimität und Kooperation, wodurch die 4 Somatypen ausgebildet werden Der genetisch bedingte Konstitutionstypus und die Erfahrung, die der Mensch während seiner Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen macht, bildet die Art und Weise aus, wie wir uns ins Leben hinein bewegen – uns geben-, wie wir in sozialen Kontakten interagieren, wie wir unser Gegenüber empfangen.

Die Liebe – ist ein rhythmisches und pulsierendes Geschehen - die Bereitschaft, den formativen Prozess zu leben und anderen dabei zu helfen den ihren zu leben. Liebe ist ein  Aus-Strecken und ein In-sich-Hineinnehmen, ein Heraus-Geben und In-sich-Sammeln und in-sich-Halten, und dies alles mit unterschiedlichen Intensitäten in dem Masse, wie sie, die Liebe, anschwillt und abschwillt.

Fangen wir an, die tiefsten Schichten der Verkörperung von Liebe zu erkennen, berühren wir die Urkaft der Existenz. Nehmen wir Einfluss auf unsere persönliche Art das Kontinuum der Liebe zu gestalten, so haben wir die Chance unsere persönliche Form einzukörpern, die Form zu sein, die unsere eigene ist, die in der Tiefe angelegt ist, um in dieser Welt zu sein. Oder wie Stanley Kelemann in seinem Buch „Formen der Liebe“ es so schön ausdrückt: Wir wollen der Antwort auf die Kernfrage wer wir wirklich sind, näher kommen. Dies indem wir uns aufmachen zu entdecken, dass der verkörperte Ausdruck von Liebe ein universeller Prozess ist, ein Fliessen von Existenz. Und wie mache ich das?

Übung alleine und/oder zu zweit
Nehmen

Wie bin ich da, wenn ich etwas haben möchte? Verkörpere ich eine Form von Bitten? Oder ist es mehr ein Wollen? Oder fordere ich danach?  

Wie nehme ich etwas entgegen? Reisse ich es an mich? Kann ich es halten?  Oder entgleitet es mir wieder?

Geben - Empfangen

Versucht nun jeder für sich, die auftauchende Form von Geben und Empfangen zu verkörpern indem ihr die Arme und Hände langsam aus-streckt und wieder zu euch hinnehmt. Welche Qualität taucht dabei auf? Ist es ein Heraus-Geben, ein In-sich-Hineinnehmen? Ein In-sich-sammeln und In-sich-Halten? Beobachtet einander, geht in Dialog miteinander. Diskutiert über eure Erfahrungen. Vielleicht spürt ihr ähnliche Qualitäten, vielleicht aber auch unterschiedliche. Dies wiederum hat zu tun, mit eurer eigenen Erfahrung und eurer persönlichen Verkörperung von Geben und Empfangen.

Verlangsamt die Übung, um die Erregung und das Gefühl von Sammeln, Empfangen, Geben und Umgestalten auszukosten. Versucht die Schichten des verkörperten Selbst aufzunehmen, zu intensivieren, umzuformen, einzuverleiben und auszukörpern.

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